Warum die Corona-Krise auch etwas Gutes hat

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich rede nicht von der Krankheit, sondern der daraus resultierenden gesellschaftlichen Gesamtsituation. Eine Krankheit, ein unbekannter Virus, gegen den man sich nur bedingt schützen kann, hat natürlich nie etwas Gutes. Aber die ganzen Maßnahmen, die nun eingeleitet werden, und die das Leben und die Arbeit in den nächsten Wochen deutlich verändert werden, hat mehr Chancen, als man auf Anhieb vielleicht denken mag.

Ich möchte mich dabei nicht auf die gesamtgesellschaftliche Situation beziehen und auch nicht philosophisch erörtern, wie sich dies alles auf unser Zusammenleben auswirken mag. Vielmehr möchte ich den Fokus darauflegen, was im beruflichen und wirtschaftlichen Umfeld die möglichen Chancen aus dieser Krise sind.

Gegenwärtig werden unter wirtschaftlichen Aspekten nur Gefahren und Risiken diskutiert. Zugegeben, für den kleinen Einzelhändler oder Gastronom hat die Krise sicherlich einen enormen Impact. Aber beziehen wir in die Betrachtung auch Büroarbeiten, vorneweg Ingenieure, Projektleiter, Manager und Gestalter mit ein, offenbart sich in dieser Krise eine enorme Chance, die man gerne aus den Augen verliert.

Durch das Herunterfahren des öffentlichen Lebens in den nächsten Wochen werden Geschäftsreisen, Meetings, Kongresse, Präsentationen und Kundentermine erst einmal in den Hintergrund treten. Das, was für viele Personen in den oben genannten Berufszweigen quasi 80% des Arbeitstages ausmacht, wird es in der nächsten Zeit erst mal nicht mehr geben. Was also tun mit der gewonnenen Zeit?

Wenn wir in die Zeit vor der Krise zurückschauen, so hören wir immer wieder „man müsste mal…, aber dafür fehlt leider die Zeit“ oder „…das ist zwar wichtig, aber hat im Moment keine Priorität.“ Zu oft sind wir alle vom Dringenden, selten aber vom wirklich Wichtigen getrieben. Das führt dazu, dass Entscheidungen oder Veränderungen, die uns langfristig die Arbeit leichter machen oder auch das Ergebnis unserer Arbeit steigern würden, schlichtweg nie in Angriff genommen werden und wir uns immer weiter und weiter im Hamsterrad verlieren.

Der „Shutdown“, wenn man ihn so nennen mag, reißt uns alle aus diesem Hamsterrad. Und das hat eine enorme Chance für uns alle und die Entwicklung unserer Unternehmen. Im nachfolgenden möchte ich einige Beispiele ohne Anspruch auf Vollständigkeit nennen, von denen ich erwarte, dass diese – falls angemessen reflektiert – einen nachhaltigen Impact für unser weiteres Berufsleben haben können.

  • Wir lernen uns zu fokussieren. Die Corona-Krise zeigt: Alles, was scheinbar so dringend oder wichtig ist, ist doch nicht so dringend oder wichtig, wenn was wirklich Wichtiges im Raum steht. Selbst Veranstaltungen, die kürzlich stattfinden sollen und in die enorme Vorbereitung gelaufen ist, werden abgesagt. Jeder von uns hat begonnen zu hinterfragen, was wirklich wichtig ist und auf was es ankommt und was getrost noch warten kann. Dies lehrt uns alle toleranter zu werden, wenn etwas nicht so funktioniert, wie wir es uns vorstellen und wir lernen hoffentlich daraus, geduldiger und gelassener zu werde, insbesondere auch was Termine und Deadlines betrifft.
  • Wir lernen anders zu arbeiten. Was in vielen Unternehmen lange Zeit unmöglich war, geht auf einmal: Leute können zu Hause bleiben und von dort arbeiten. Dieser kulturelle Wechsel in vielen Unternehmen zeigt, dass es auch Alternativen gibt, zu dem wie es lange Zeit gewohnt war. Insbesondere lernen wir (zumindest in den oben genannten Berufsgruppen), dass die Technik von heute es möglich macht, von zu Hause genau so arbeiten zu können wie aus dem Büro. Und falls es doch nicht geht, lernen wir, dass wir offensichtlich nicht mit zeitgemäßer Technologie arbeiten und wir hier nach der Krise zeitnah nachrüsten und uns von altmodischen Kommunikationssystemen und Werkzeugen trennen sollten.
  • Wir lernen, dass wir weniger Meetings brauchen. Wieviel Prozent unserer Arbeitszeit verbringen wir normalerweise in Besprechungen? Viele von uns haben schon lange das Gefühl, dass man sich viele Meetings sparen könnte, weil eh nicht viel dabei herauskommt. Jetzt, da kaum mehr Meetings stattfinden, erleben wir alle, wie gut (oder weniger gut) es auch ohne diese unzähligen Besprechungen geht. Vielleicht hilft uns das nach der Krise die Anzahl unserer „wichtige Meetings“ auf das notwendige Minimum zu reduzieren.
  • Wir haben Zeit für interne Veränderungen. Weniger Termine und weniger Arbeit im Alltagsgeschäft geben uns den Freiraum unsere Arbeit zu optimieren und das zu tun, was sonst längst überfällig ist. Um die Geschichte vom Holzfäller aufzugreifen, der lieber mit einer stumpfen Axt Bäume zu fällen versucht, da er ja – weil er ja Bäume fällen muss – nie Zeit hat, die Axt zu schärfen, bringt uns die gewonnene Zeit aufgrund des „Shutdowns“ endlich die Gelegenheit, uns unseren Äxten und nicht den Bäumen zu widmen. Anstatt uns weiter im Hamsterrad zu drehen können wir für uns, unsere Abteilung oder unsere Firma als Ganzen beginnen, Optimierungen, die wir lange schon vor uns herschieben, endlich anzugehen. Das können Prozessveränderungen sein oder auch die Beschaffung von zeitgemäßen Tools, die unsere Arbeit in Zukunft enorm beschleunigen werden. Als Unternehmer im Bereich des Anforderungsmanagements sehe ich insbesondere jetzt auch die Chance, erfolgskritische Randthemen, die sonst immer „hinten runterfallen“, mit den notwendigen Ressourcen angehen zu können.

Diese Liste ist sicherlich nicht abschließend, aber zeigt vier Punkte mit denen wir sinnvoll die nächsten Wochen zielführend ausgestalten können. Sofern Sie nicht selbst von Corona betroffen sind, was ich Ihnen von Herzen wünsche, dann nutzen Sie die Zeit, um sich für die Zukunft erfolgreich aufzustellen und das „Weiter so“ zu durchbrechen.

Bleiben Sie gesund!

Sebastian Adam
Sebastian Adam
https://www.osseno.com

Dr. Sebastian Adam ist Geschäftsführer der OSSENO Software GmbH und operativ für die Bereiche Produktinnovation und Marketing verantwortlich. Vor seiner Zeit bei OSSENO arbeitete er 10 Jahre lang als Berater, Wissenschaftler und Teamleiter für Requirements Engineering am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE). Dr. Adam hat bereits mehrere Duzend Unternehmen begleitet und verfügt über branchenübergreifende Best Practices bezüglich der Einführung und Durchführung von Requirements Engineering.